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Alles Einzelfälle

Jetzt ist mir der Kollege Burhoff doch glatt zuvorgekommen und hat meine geplante Suada über den Einzelfall teilweise vorweggenommen. Auch schön, da muss ich bei der Hitze weniger schreiben. Auf des Kollegen schöne Definition aus Wikipedia beziehe ich mich deshalb einfach.

Festzustehen scheint danach eines: Wenn irgendjemand irgendetwas als Einzelfall bezeichnet, dann ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genau das nicht. Einen einzeln in der Savanne stehenden Baum brauche ich nicht mehr demonstrativ als Einzelfall zu bezeichnen; das sieht ja jeder.

Stattdessen beschwört der geneigte Politiker, Staatsanwalt oder wer sonst noch gerne abwiegelt, meist dasjenige zum Einzelfall, das völlig üblich ist, überraschenderweise aber gerade nicht mehr gemocht wird. Besonders häufig hört man das bei Fehlern von Behörden oder nationalistischen Straftaten. Wenn mal wieder ein Trupp besoffener Bundeswehrsoldaten ausländerfeindliche Parolen brüllend durch eine Kleinstadt marodiert ist, kommt garantiert der freundliche Herr von der CDU und spricht von "Einzelfällen". Gerne wird er auch das Wort "bedauerlich" hinzufügen, wenn er mit all seiner Empathie bemerkt haben sollte, dass weite Teile seiner Wählerschaft grölende Soldaten wohl doch nicht so toll findet. Wenn man weiß, dass jeder von denen ein bedauerlicher Einzelfall ist, dann muss das Ganze doch gleich all seinen Schrecken verlieren.

Auch Behördenfehler sind praktisch wieder gutgemacht, hat man sie einmal als bedauerliche Einzelfälle abgetan. Hat die Staatsanwaltschaft mal wieder zehn Entlastungsbeweise jahrelang hartnäckig ignoriert und musste von der letzten Instanz hierauf hingewiesen werden, ist das bestimmt wieder genau so ein bedauerlicher Einzelfall.

Eigentlich meinen die auch gar nicht "Einzelfall" - so wie "Einzelkind" - sondern sie meinen "Waisenfall": ein unschönes Ereignis, das weder Vater noch Mutter hat und für das deshalb auch niemand verantwortlich ist. Auf diese Weise kann ein geübter Staatsanwalt ganze Wälder verschwinden lassen:

"Der Sachsenwald, Herr Vorsitzender, ist gar kein Wald. Das ist nur eine zufällige Ansammlung von Bäumen. Alles Einzelfälle."

Hot in the ICE

Das Wochenende habe ich mal abseits von zuhause verbracht, in Hessen. Auch andernorts wurde schon über diesen Landstrich berichtet.

Um nach von Hamburg nach Hessen zu gelangen, nimmt man am besten den ICE Richtung München und fährt bis Kassel-Wilhelmshöhe. Von dort bringen einen dann die Bimmelbahnen weiter. Leider hatte der ICE am Wochenende ein Problem. Ihm war zu heiß. Ich hatte mich zur Rückfahrt auf dem Kasseler Bahnhof in abgeklärter Bahnfahrermanier bereits so postiert, dass ich gleich ins Bordrestaurant einsteigen konnte. Das war leer; der dortige Bedienstete erklärte auch sogleich warum. Dieser Erklärung hätte es nicht bedurft.

Im Speisewagen waren etwa 50 °C. Dankenswerterweise war die Klimaanlage nicht in allen Wagen ausgefallen, so dass sich im Zug im Laufe der Zeit eine Durchschnittstemperatur von nur etwa 38° C etablieren konnte.

Bemerkenswert ist einmal mehr, wie die DB AG mit dem Desaster umgeht. Sah ich doch abends in der Tagesschau einen Herren, der mir vorrechnete, dass in den allermeisten Zügen die Klimaanlage nicht ausgefallen sei und so 93 % der Bahnfahrer zufrieden ihr Reiseziel erreicht hätten. Alles andere seien Einzelfälle.

Über die Benutzung des Wortes "Einzelfall" in der Beschwichtigungsrhetorik ungeübter Krisenmanager schreibe ich auch noch mal irgendwann etwas; jetzt kann ich nicht. Mir ist zu heiß. Aber das ist ein Einzelfall.

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